v. l.: Frieder Graffe – ehemals Münchener Sozialreferent (SPD), Theresa Höpfl – Journalistin, Wolfgang Krach – Chefredakteur der Süddeutschen Zeitung, Claudia Büttner – ehemals Kunstprojekte_Riem, Brigitte Sowa – Bürgerforums-Vorsitzende, Georg Kronawitter – ehemaliger Bezirksausschuss-Vorsitzender (CSU), (Fotos: L. K. Srindic)
12.12.2025
Es gebe ja nur drei Gruppen Menschen: Hier Aufgewachsene, später Hergezogene oder solche, „die nie das Glück hatten, hier zu leben“. Mit diesem höchst wohlwollenden Eingangsstatement setzte Moderator Wolfgang Krach den Ton zur fünften Folge des Talk im Kopfbau, den die Bewohnerzeitung Take Off! und das Portal unsere-messestadt.de des Vereins Echo gemeinsam organisieren.
Das Thema „25 Jahre Messestadt“ konnte Krach, Chefradakteur der Süddeutschen Zeitung, nicht kalt lassen – ist er doch selbst überzeugter Messestädter.
Um das Fazit vorwegzunehmen: Die Messestadt, in vergangenen Jahren oftmals von Medien und Politikern gescholten, von Bewohnern und Aktiven aber stets mindestens ebenso vehement verteidigt, bekam an diesem Abend durchweg gute Noten. Anfangsschwierigkeiten und Kinderkrankheiten scheinen überwunden, das Zusammenleben der Nationen eher bereichernd. Fehlende Infrastruktur wurde ergänzt.
Verbesserungsvorschläge und Wünsche aus dem Publikum waren konstruktiv oder wirkten wie Jammern auf sehr hohem Niveau. Und das fand statt in einem echten Wellnessambiente bei gedämpftem Licht und geschmückten Christbäumen, mit wunderbaren Messestadt-Fotografien von Take Off!-Mitarbeiterin Lola Kasalo und weihnachtlichen Saxophonklängen des Pegasus-Quartetts.

Der Truderinger CSU-Politiker Georg Kronawitter bezeichnet sich selbstbewusst als einen der vielen „Geburtshelfer“ der Messestadt. Zu Beginn aber überwog eher der Neid auf den Zuwachs, sollte die Messestadt doch städtischerseits mit vielem ausgestattet werden, worauf Trudering wartete, etwa ein Alten- und Service-Zentrum. Allerdings konnte man mit dieser gefühlten Bevorzugung prächtig argumentieren, so Kronawitter, und auch Trudering nach und nach aufpeppen. Später nahm sich die lokale Politik natürlich all der Probleme an – die „Neuen“ hatten schnell gemerkt, dass der Bezirksausschuss auch für sie ein offenes Ohr hatte.
Und Defizite gab es zunächst mannigfach, davon konnte Pionierin Brigitte Sowa vom Bürgerforum ein Lied singen. Viele „Überraschungen“ erlebte sie: „Der Kindergarten, baulich hergestellt, aber nicht in Betrieb. Die Schule, baulich hergestellt, aber nicht in Betrieb.“ Wege, Einkaufsmöglichkeiten, eine Post – so vieles ließ teilweise Jahre auf sich warten: die weiterführende Schule, die Stadtbücherei.
Aber es war auch schön, so Sowa: Zwischen all den Baustellen und dank der immerhin auto-armen Umgebung konnten Kinder behütet und in großer Freiheit gleichzeitig aufwachsen, daran erinnerte sich auch BR-Journalistin Theresa Höpfl, die mit drei Jahren in die Messestadt gekommen war: „Ich konnte es mir nicht besser wünschen.“ In der internationalen Umgebung habe sie viel gelernt – „auch, dass manche Familien sehr wenig Geld haben“. Der Bruch kam nach der Grundschule, für Gymnasium oder Realschule musste man auspendeln. Viele wichtige Kontakte gingen verloren, beklagt Höpfl. Heute lebt sie in einem anderen Stadtteil. Was es bräuchte, um wieder herzuziehen, fragt Krach: „Eine Wohnung“, antwortet sie als echter Messestadt-Fan.
Zu dieser Gruppe zählt auch Claudia Büttner, die das junge Viertel dank der Kunstprojekte_Riem auf ganz spezielle Weise kennenlernen durfte. Werke im öffentlichen Raum, die Identität stiften sollten, schufen die von ihr geladenen Kreativen in engem Kontakt mit den ersten Bewohnern. Das ging nicht immer ohne Reibung, vor allem den Frauen erschien die „Riem-Reibe“ von Olaf Metzel auf dem Willy-Brandt-Platz als zu negativ. Die Reaktion kam prompt: Kunst ist rund und bunt, hieß das neue Werk, einladend östlich des U-Bahnhofs platziert. Allseits bedauert wurde an dem Abend, dass die damalige Kulturreferentin Lydia Hartl das auf sieben Jahre angelegte Projekt nach nur vier Jahren beendete. Und so mancher rätselte, ob und wie viel Geld noch heute in diesem Kunst-Topf vorhanden ist.
Identität zu stiften, war trotz der Kunst nicht immer leicht. Die Messestadt galt in den vergangenen Jahren – auch im Rathaus – oftmals als Ghetto mit einer zu hohen Anzahl zu „krimineller“ Jugendlicher. Die Bezirkssozialarbeit hatte gar Alarm geschlagen. Frieder Graffe, zu dieser Zeit als Sozialreferent schon ausgeschieden, kritisierte dies auf dem Kopfbau-Podium ganz ausdrücklich. Es sei ebenso unklug wie inhaltlich falsch gewesen: „Viele Sozialwohnungen, das war unsere Absicht – und unsere Aufgabe. Das weiß jeder.“
Dennoch war der Anteil der Sozialwohnungen, der in den ersten beiden Bauabschnitten bei rund 40 Prozent lag, in den weiteren etwas niedriger. Die Jugendlichen „von der Mauer“, nämlich der auf dem Platz der Menschenrechte, hatte Graffe von seiner Wohnung aus im Blick. Sie waren manchmal laut, sie hinterließen Müll und auch miese Stimmung. Aus heutiger Sicht aber sagten an diesem Abend alle, sie hätten sich zu keinem Zeitpunkt „unsicher“ gefühlt in ihrer Messestadt.
Kritik? Wünsche? Kronawitter wünschte sich „in jeder Straße ein Hundertwasser-Haus“ als Kontrast zur weißen Einheits-Architektur. Höpfl plädierte dafür, dass mehr los sein könnte – so wie vor der Bebauung, als das Flughafen-Areal die angesagten Clubs hatte. Und sie wünschte sich mehr Schatten in den breiten Straßen. Diese hielt ein Bürger für geradezu ideal als Übungsgelände für künftige Rikschafahrer. Den Ruf nach mehr Aufmerksamkeit für den Kopfbau dämpfte Sowa: Hier fehlten anders als in der zentralen Kulturetage Räume fürs Büro, für Seminare oder Künstlergarderobe.
Mehr Gastro, mehr kleine Läden stehen ebenfalls seit jeher auf dem Wunschzettel. Die dafür vorgesehen Eckläden hätten Interessenten aber kaufen müssen. Kronawitters Idee, dass eine städtische Gesellschaft diese übernimmt und günstig vermietet, hatte die Stadt leider nicht aufgegriffen. Allseits genickt wurde beim Vorschlag, die Messestadt auch ans S-Bahn-Netz anzubinden.
Alles in allem: Umgeben von See und Park auf der einen und Einkaufsmöglichkeit auf der anderen Seite stimmt das Lebensgefühl, zumindest bei jenen, die gekommen waren. Graffe untermauerte es mit harten Fakten auf der Haben-Seite: Quax und Gate 6, 26 Kitas, ASZ, Familienzentrum, elf Schulen, eine Hochschule, Stadtbücherei. Dazu viele Vereine, Initiativen, Arbeitskreise, engagierte Menschen, ergänzte Sowa. So sei die Messestadt für die Zukunft bereit.
Renate Winkler-Schlang
25 Jahre Messestadt – der Talk im Kopfbau vom 9. Dezember 2025.
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Moderator Wolfgang Krach erinnerte das Publikum im Kopfbau an die Geschichte des Viertels: Sie begann schon in den 70er-Jahren mit dem Kampf gegen den Flughafen Riem.
Die Truderinger SPD-Stadträte Hermann Memmel und Joseph Wirth hatten 1973 die Idee, auf dieser Fläche ein neues Wohngebiet entstehen zu lassen: Ein Drittel Messe, ein Drittel Wohnen und ein Drittel Park.
Die Fehler von Hasenbergl und Neuperlach wollte man vermeiden, der Wunsch war ein ökologisches Vorzeigeviertel. „Schöner Wohnen mit der SPD“, schrieb damals die SZ.
1992, am 17. Mai, ist der Flughafen umgezogen. „Und auf einmal war es ganz still.“
Am 12. März 1998 weihte der damalige Bundespräsident Roman Herzog die neue Messe ein. Im folgenden Winter kamen die ersten Bewohner in die Messestadt.
Im Mai 1999 fuhr die U-Bahn, im November 1999 eröffnete das Galeriahaus.

„Wir hatten Interesse an einem hohen Sozialwohnungsanteil, auch für große Familien.“

„Es gab Leute, die gesagt haben 'Was, Du wohnst in der Messestadt?', aber die waren halt auch nie selber da.“

„Kunst am Bau war die Grundlage für unser Projekt. Der Topf ist mit jedem Bauprojekt gewachsen. Wir trafen auf Menschen, die was wollten, die sich engagiert haben.“

„Das war voll das Abenteuer. Es war Leben auf dem Mond. Härter, als wir uns das vorgestellt hatten.“

„Es wurde eine Insel, eine neue Stadt, in eine dörfliche Umgebung gepflanzt. Es kamen andere Typen als die Bewohner von Trudering oder Kirchtrudering.“
25 Jahre Messestadt – der Talk im Kopfbau vom 9. Dezember 2025.
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