
Die Polizei hat die Willy-Brandt-Allee für die Fahrrad-Demo kurzzeitig komplett für den Autoverkehr gesperrt. (Fotos: T. Höpfl)
22.06.2026
Hier startet einer von mehreren Demozügen, die sternförmig in die Münchner Innenstadt radeln werden. Unsere Route führt nachher auch durch die Messestadt. Etwa 30 Menschen sind da: Die Ehrenamtler des ADFC, viele Menschen auf Stadträdern und zwei Kinder, die ihre Fahrräder mit Deutschland-Fähnchen geschmückt haben (die Fußball-WM der Männer ist gerade losgegangen). Ich montiere mein Pappschild ungeschickt mit zwei Expandern hinten ans Rad. Aufschrift: „Wann endlich autofreier Sonntag?“ Wir fahren los, runter vom Radweg, rauf auf die Straße.

Uns begleiten: zwei Polizeiautos und mehrere Polizisten auf Motorrädern. Die sperren für uns die Zufahrtsstraßen ab und fahren wie Hütehunde um ihre Schafherde herum. Auf der Überlandfahrt kommen uns viele Sonntags-Rennradfahrerinnen und -fahrer entgegen – und lassen sich nicht überzeugen, umzudrehen und mit uns mitzufahren. Bei strahlendem Sommerwetter geht’s weiter über Kirchheim, Aschheim, Feldkirchen, und die Gruppe wächst mit jedem Stopp an einem Maibaum etwas.
Auf den ersten Blick warten am Busbahnhof nur wenige Messestädterinnen und Messestädter auf unseren Demozug. Die auffälligsten sind zwei Männer in Warnwesten: Edwin und Sven. Edwin hat ein E-Bike mit Anhänger inklusive „Klimatreff Messestadt Riem“-Fahne dabei. Sein Anliegen: Die Verkehrswende voranzubringen und die Klimaresilienz, besonders in der Messestadt, zu stärken. Und wie findet ihr die Radinfrastruktur in der Messestadt? Okay, sagt Sven. Weil es viele Nebenstraßen gibt und relativ wenig Verkehr. Aber die vielen parkenden Autos wegen der Riem Arcaden, die stören ihn. Außerdem sind sich beide einig, dass es schön wäre, wenn noch mehr Menschen aus der Messestadt hier wären.

Die Hauptverkehrsstraße der Messestadt mit dem Rad entlangzufahren ist ein tolles Gefühl – gleichzeitig kriegt im Viertel wahrscheinlich niemand etwas von der Demo mit. Und an einem Sonntag ist ja auch an den Riem Arcaden nichts los.
Neben mir fahren Günter und sein Sohn Lukas. Lukas wohnt in der Messestadt in einer Wohngruppe. Die beiden fahren seit drei Jahren bei der Sternfahrt mit, weil es ihnen so viel Spaß macht. Aber Günter sagt auch, die Radinfrastruktur in der Messestadt ist eine Katastrophe für Menschen mit Beeinträchtigung. Weil es im Wohnviertel keine Radwege gibt, muss Lukas auf der Straße fahren. Und das ist gefährlich für ihn. Auf seinem niedrigen Rad können Autofahrer ihn leicht übersehen.

Von der Messestadt aus in die Stadt zu radeln ist ja normalerweise gar nicht so einfach – wegen der Insellage zwischen Autobahn und mehreren S-Bahngleisen. Aber wie entspannt ist es bitte, von der Polizei eskortiert, auf der Straße entlangzufahren?

Auf dem sonst so viel befahrenen, heute aber abgesperrten Föhringer Ring über die Isar zu fahren war definitiv ein Highlight. Ein Radler neben mir fragt mich, ob mir dieser „autofreie Sonntag“ gefällt. Auf jeden Fall! Ich merke, wie viel mehr Spaß Radfahren in der Stadt macht, wenn ich nicht die ganze Zeit achtgeben muss auf sich plötzlich öffnende Autotüren, Rechtsabbieger oder fiese Borsteine und buckelige Radwege. Der Perspektivwechsel ist das, was die Sternfahrt so spektakulär macht: zu realisieren, wie viel Platz Autos gewährt wird, wie breit (und perfekt geteert!) Straßen sind, wie viel Asphalt dafür verbaut ist…
Abschlusskundgebung. Es wird noch einmal politisch: Zum ersten Mal hat mit dem frisch gewählten Dominik Krause von den Grünen ein Oberbürgermeister an der Sternfahrt teilgenommen. Er hält auch eine kurze Rede auf der Bühne am Königsplatz: Ihn beunruhigt der Kulturkampf, der rund ums Thema Mobilität oft geführt wird.
Der ADFC fordert mit dieser Demonstration mehr Sicherheit für radelnde Kinder in der Stadt. Das heißt: breite Radwege, auf denen Eltern neben ihren Kindern fahren können, keine parkenden Autos auf Radwegen und autofreie Zonen vor Schulen und Kitas.
Auf dem Heimweg begegne ich wieder Edwin mit seinem „Klimatreff Messestadt Riem“-Radanhänger. Jetzt fahre ich wieder auf den Radwegen, die mal breiter sind, mal ganz schmal und ohne Bordsteinkante, und mal gar nicht vorhanden.

Theresa Höpfl