
Pfarrer Lindl war auch Pfarrer in Wasserburg und Traunstein und ist gern in den Bergen unterwegs. (Foto: Privat)
02.10.2026
Take Off!: Herr Pfarrer Lindl, was war in Ihrem bisherigen Lebensweg für Sie besonders wichtig?
Lindl: Prägend für mich war, dass ich nach Kindheit und Jugend in Regensburg 13 Jahre im Jesuitenorden mit vielen Stationen gelebt und gearbeitet habe. Nach dem Abitur in Regensburg habe ich erst einmal 15 Monate Wehrdienst geleistet. Ich war in Dillingen an der Donau bei den Fernmeldern und habe mich in dieser Zeit entschieden, Priester zu werden. Theologie bis zum Vordiplom habe ich dann in meiner Heimatstadt Regensburg studiert. Dann wollte ich mein Leben etwas würzen, suchte mehr Substanz und trat dem Jesuitenorden bei.
Wie entwickelte sich das?
Es war die klassische Ausbildung der Jesuiten: zwei Jahre Noviziat in Nürnberg, zwei Jahre Philosophiestudium an der Jesuitenhochschule in München-Schwabing. Dann war ich zwei Jahre als Lehrer und Erzieher im Kolleg St. Blasien im Schwarzwald.
Sie waren selten lange an einem Ort?
Ja. Die Mobilität, gerade in der Ausbildungsphase, gehört zum Ordensleben dazu. Ich habe auch drei Jahre in Boston/USA studiert. München war mir auch immer sehr sympathisch, es ist eine äußerst attraktive Stadt, bei aller Heimatliebe zu Regensburg.
Sie lieben die Nähe zu den Alpen…
Ja, dort bin ich in meiner Freizeit oft unterwegs.
Und auch beruflich hat es Sie in die Gegend verschlagen?
Die erste Stelle in der Erzdiözese führte mich als Kaplan nach Prien am Chiemsee, die erste Pfarrstelle nach Edling bei Wasserburg. Dann kam eine größere Aufgabe: elf Jahre Pfarrer Traunstein, eine intensive Zeit. Ich habe da gelernt einen großen Pfarrverband zu leiten. Begonnen hat es mit drei Pfarreien und am Ende waren es sechs.
In dieser Zeit galt es, den immer größer werdenden Pfarrverband als Stadtkirche aufzubauen. Interessant war auch ein großes Bauprojekt auf der Acht-Millionen-Euro-Ebene, die Sanierung von Sankt Oswald in Traunstein. Als Primizkirche von Papst Benedikt XVI. hatte die Gesamtsanierung für die Erzdiözese einen hohen Stellenwert.
Aber auch dort wurden Sie letztlich nicht sesshaft?
Pfarrer sollen regelmäßig die Stelle wechseln. Die Pfarrei Gauting war ausgeschrieben, ich habe mich beworben und war sehr froh über die Zusage. Die fünf Jahre in Gauting waren eine sehr schöne und bereichernde Zeit, komplett anders als in Traunstein. Die Leute leben in Gauting, arbeiten normalerweise in München. Gebildete Menschen mit viel Engagement und einem echten Interesse an Kirche und Glauben.
Was reizt Sie nun an der Messestadt? Ein multikultureller Stadtteil, nicht gewachsen, sondern am Reißbrett geplant…
Bisher war ich mein Leben lang in klassischen katholischen Gemeinden, wie es wahrscheinlich auch in St. Peter und Paul weitgehend noch der Fall ist. So was Buntes, Vielfältiges wie Riem hatte ich noch nie. Mich reizt es zu sagen, jetzt kannst du mal zeigen, ob du dafür auch geeignet bist.
Nachdem ich ja selbst einige Jahre im Ausland gelebt habe und auch gerne reise, denke ich, habe ich eine Aufgeschlossenheit für andere Kulturen und kann mich da auch einfühlen und einfinden. In diesem multikulturellen Kontext zu arbeiten, finde ich extrem spannend. Einerseits, weil ich was kennenlerne, andererseits, denke ich, bin ich den Leuten auch den eigenen Standpunkt schuldig.
Ich habe den Eindruck, die Ökumene ist in der Messestadt ausbaufähig. Der Kontakt von Christen und Muslimen ist nicht gerade stürmisch. Wie ist Ihre Grundhaltung zur Ökumene?
Ökumene mit der evangelischen Kirche habe ich immer als selbstverständlich erlebt. Die ganzen Kontroversen von früher kannte ich nur vom Hörensagen. Die Ökumene vor Ort hängt meiner Erfahrung nach im Wesentlichen davon ab, wie die beiden Pfarrer – Pfarrer und Pfarrerin – sich verstehen. Man spielt sich die Bälle zu, man versucht sich nicht auf Kosten des anderen zu profilieren. Eine Selbstverständlichkeit, die ich auch gerne fortführen würde.
Sie können nun erst später anfangen, was war der Grund?
Der Grund war Operation an der Wirbelsäule. Ich habe sie gut überstanden, ich fühle mich total fit und werde meinen Dienst in Riem und Trudering nun aufnehmen. Der Einzug in Riem wird allerdings wegen der Malerarbeiten erst am 10. Oktober stattfinden.
Was ist Ihr 100-Tage-Programm für die Messestadt?
Ich komme hierher nicht als Besserwisser, der den anderen sagt, wie es läuft. Was ich mitbringe, ist die Bereitschaft, mich auf neue Menschen einzulassen. Ich habe kein Patentrezept, wie das geht mit dem Zusammenwachsen der beiden Pfarreien im Pfarrverband, obwohl ich das schon mal in Traunstein gemacht habe.
Was mir wichtig erscheint, ist, dass die Gemeinde sagt, was sie braucht und was sie will. Dafür gibt es ja auch die gewählten Gremien, gerade den Pfarrgemeinderat, um zu artikulieren, was die Bedürfnisse und Themen der Pfarrei sind. Der Pfarrer versucht, das mit umzusetzen, um das Ganze zusammenzuführen.
Wenn der Pfarrgemeinderat in der Mehrheit sagen würde, wir wollen das und sie sagen, das ist jetzt nicht Ihre Meinung: was dann?
Ich habe das bisher nicht erlebt. Im Gegenteil, in den Gremien sind vernünftige Leute und wenn ich das Anliegen für einigermaßen berechtigt halte und für sinnvoll und für finanzierbar – um diese Fragen geht es ja immer auch – dann werde ich versuchen, das zu unterstützen und umzusetzen. Es sind Leute, die mit Augenmaß Projekte anschieben und wenn sie sagen, das ist unser Herzensanliegen, dafür brennen wir, das tragen wir mit, das unterstützen wir, dann kann ich mir nicht vorstellen, dass ich das ablehne oder meine Mitarbeit verweigere.
Stichwort: Finanzen. Wir haben in der Messestadt mit der Messe, Brainlab und Nemetschek mehrere weltweit agierende Unternehmen. Haben Sie Interesse, mit den Verantwortlichen ins Gespräch zu kommen?
Ich habe immer Interesse an Betrieben, weil ich die Wirtschaft für einen bedeutenden Teil unseres Lebens halte. Ich hatte in der Schule Wirtschaftsleistungskurs – das Interesse an wirtschaftlichen Entwicklungen ist geblieben und ich versuche, an den Themen dranzubleiben. Moderne Technologien, die ganze moderne Arbeitswelt, ich halte das für extrem faszinierend.
Was sind da Ihre Grundsätze? Etwa bei KI?
Ich glaube nicht, dass die Grundfragen des Lebens nur vom rein Technologischen, vom Machbaren her zu beurteilen sind. Sondern man braucht ein reflektiertes und begründbares Menschenbild, und von dem her kann man dann im Einzelfall argumentativ begründen, warum das eine sinnvoll und das andere gefährlich ist. Wie kann ich die Menschenwürde wirklich argumentativ begründen? Also rein vom Nützlichkeitsdenken her sicher nicht.
Interview: Gerhard Endres