Nachbarschafstreff_Messestadt
Haben über 100 Unterschriften für den Erhalt des Nachbarschaftstreffs Heinrich Trifft Böll gesammelt: Nancy Edlinger, Petra Wolf, Mohammad Imram (v.l.), (Foto: H. Häuser)

Ehrenamtliche schockiert: Nachbarschaftstreff in der Heinrich-Böll-Straße schließt zum Jahresende

28.04.2026

Die Besucher der Nachbarschaftstreffs in der Messestadt müssen sich auf verringertes Angebot einstellen. Die Stadt verlagert eine der drei Einrichtungen. Die Ehrenamtlichen und die Besucher sind empört.

„Wir sitzen in der Scheiße“, rutscht es Nancy Edlinger heraus. Die drastische Wortwahl ist ihr dann fast ein bisschen unangenehm, aber inhaltlich trifft es schon zu, findet sie. 27 Kurse, Dienstleistungen und Gruppenstunden finden jede Woche im Nachbarschaftstreff Heinrich Trifft Böll statt. Noch.

Edlinger berät Migranten und Bedürftige beim Ausfüllen von Formularen, gibt Tipps bei der Safari durch den Behörden-Dschungel. Fünf Stunden die Woche gibt es das Angebot. „Die Leute brauchen uns“, sagt sie. „An manchen Tagen rennen sie uns die Bude ein.“

Auch die Konversationsstunden von Mohammad Imran sind gut besucht. Der gebürtige Afghane gibt Landsleuten die Gelegenheit, sich in ihrer Muttersprache auszutauschen. Manche haben nie in Afghanistan gelebt, lernen die Sprache erst so richtig hier, an den Sonntagen in der Heinrich-Böll-Straße.

Ende des Jahres ist Schluss

Doch die Tage hier im Genossenschaftsbau von Wagnis in der Heinrich-Böll-Straße sind gezählt, zum Jahresende wird die Einrichtung dicht gemacht. Die drei hellen Räume mit Holzböden, Kochecke, Lagermöglichkeiten gehen zurück an den Vermieter, die Wagnis Genossenschaft. Der Betreiber des Nachbarschaftstreffs, Kinderschutz München, hat von der Stadt die Mittel gestrichen bekommen.

Seit vergangenem Sommer haben Stadt und Betreiber die Schließung geplant. Die Ehrenamtlichen haben es erst vor ein paar Wochen erfahren. „Wir sind ziemlich sauer“, sagt Petra Wolf. Sie vertritt die Ehrenamtlichen und hat als Zeichen des Protests einen offenen Brief geschrieben. Aus ihrer Sicht spielt die Stadt ein Viertel gegen das andere aus. Armut und Vereinsamung nähmen auch in der Messestadt beständig zu, heißt es darin. „Der Treff war immer schon ein wichtiger Ort gegen diesen Trend.“ Über 100 Menschen haben den Brief unterschrieben, Ehrenamtliche wie Besucher. Es wären laut Wolf deutlich mehr gewesen, wenn sich alle Unterstützer in die Öffentlichkeit getraut hätten.

Treff wird nach Neufreimann verlagert

Doch der Protest wird wohl ergebnislos bleiben. Das Sozialreferat bestätigt auf Take Off!-Anfrage: Die Messestadt muss auf einen Nachbarschaftstreff verzichten, damit das Neubauviertel Neufreimann einen bekommt. Dort entstehe ein Quartier, „das in seinem Umfang dem der Messestadt vergleichbar ist (15.000 neue Bewohner*innen). Auch hier soll den vielen Neubürger*innen die Möglichkeit der Vernetzung, der Orientierung und des gegenseitigen Kennenlernens ermöglicht werden. So wie es der Messestadt seit 2000 ermöglicht wurde“, schreibt eine Sprecherin auf Nachfrage von Take Off! Und weiter: „Die finanzielle Situation der Stadt München lässt derzeit keine Budgetausweitungen zu. Deshalb hat der Stadtrat entschieden, einen der drei Nachbarschaftstreffs in der Messestadt in das Neubaugebiet Neufreimann zu verlagern.“

130.000 Euro, das ist der Etat des Nachbarschaftstreffs Heinrich Trifft Böll. Diese Summe wird nach Neufreimann umgeleitet. Ohne die städtische Förderung, sagt Kinderschutz München, ist der Weiterbetrieb in der Messestadt nicht machbar. Man versuche nun, die Angebote von Heinrich Trifft Böll in den Galeriatreff zu überführen. Auch mit dem Treff an der Oslostraße fänden Gespräche statt. „Hier geben wir unser Bestes“, schreibt eine Sprecherin von Kinderschutz München.

Angebotskürzungen im Galeriatreff

Jüngst gab es erste Beratungen über die Neustrukturierung des Angebots im Galeriatreff. Petra Wolf war dabei und berichtet über die Ergebnisse: Ein Malkurs mit Kindern werde wegfallen, ebenso das Handarbeitscafé. Lernhilfe gebe es nach den Sommerferien nur noch dreimal statt viermal pro Woche. Ein bisher wöchentlicher Kochkurs finde nur noch monatlich statt.

Auch einige Sprach- und Musikkurse verlieren demnach Termine. An manchen Tagen seien drei Veranstaltungen gleichzeitig geplant, obwohl der Galeriatreff nur über einen Gemeinschaftsraum und ein Büro verfüge. Beratung im Büro, Lernen im Raum, Gärtnern auf der Terrasse. Wolf ist skeptisch: „Ob sich das durchhalten lässt, wird sich erweisen.“

Kinderschutz München und Stadt bedauern, dass das Geld nicht für mehr reicht. Und das Sozialreferat will offenbar dafür sorgen, dass sich zumindest die Kommunikation bessert. Auf Take Off!-Anfage sichert eine Sprecherin zu, in ähnlichen Fällen die Betroffenen frühzeitiger über anstehende Entscheidungen zu informieren.

Hans Häuser