Foto: Irene Ferraris

Notgedrungene Künstler-WG in der Messestadt

01.07.2022

Der Krieg hat zwei ukrainische Geschwister in der Messestadt zusammengeführt. Jetzt stellen sie ihre Werke hier gemeinsam aus.

Er macht ausdrucksstarke Porträts mit Bleistift und Kohle sowie abstrakte Graphiken mit Holz- und Linoldruck.Sie ist Spezialistin der Petrykiwka-Malerei, einer traditionellen dekorativen Malerei der Ukraine, mit floralen und tierischen Motiven: Oleksandr Seredenko und Natalija Dudnyk. Im März haben sie in der Kultur-Etage ausgestellt, im Herbst sind ihre Werke im Kopfbau zu sehen.

Malen als Ablenkung vom Krieg

Seredenko lebt seit zwanzig Jahren in München, zusammen mit seiner Frau Lidiya, die Übersetzerin ist. Seit sechs Jahren wohnen sie in der Messestadt, in einer Wohnung mit Atelier. Nach Ausbruch des Krieges haben die Seredenkos zwölf geflüchtete Verwandte bei sich aufgenommen, zwischen zwei und 62 Jahren. Eine davon ist Natalija Dudnyk, Oleksandrs Schwester. Die zwei haben vor vielen Jahren in der Nähe von Kiew eine Schule für traditionelle Kunst gegründet, die noch heute im Betrieb ist. Jetzt hat das Schicksal sie in der Messestadt zusammengeführt.

Portraits mit Bleistift und Kohle und Grafiken mit Holz und Linoldruck: Oleksandr Seredenko und seine Werke.


Nachdem sie die ersten Tage des Krieges, unter Beschuss, in einem Keller verbracht hatte, entschied sich Dudnyk mit ihren zwei Töchtern und deren vier Kindern zur Flucht. Die erste Zeit in München hat sie viel beim Malen verbracht, um Material für die Ausstellung zuschaffen. „Das war gut“, sagt sie, weil sie sich dadurch ablenken konnte.

Natalija Dudnyk vor Bildern im traditionellen Petrykiwka-Stil.


Improvisierte Schlafplätze am Boden

Während wir reden, laufen einige kleine Kinder in der Wohnung herum. Sie gucken die Besucherinnen neugierig an. Am Boden liegen viele improvisierte Schlafplätze. Es ist schwer zu begreifen, dass all diese Menschen von heute auf Morgen ihren Alltag, ihre Häuser, Freunde und Arbeit plötzlich verlassen mussten und jetzt in der Ungewissheit leben müssen, wann
sie in ihre Heimat zurückkehren können. „Nach Butscha haben alle Angst“, sagt Dudnyk. Die Männer ihrer Töchter mussten in der Ukraine zurückbleiben.

Interview-Treff in der Messestadt: die Übersetzerinnen (links) und die Künstler-Geschwister in der Wohnung von Oleksandr Seredenko (ganz rechts).

Irene Ferraris

Austellung im Kopfbau

 Bilder von Oleksandr Seredenko und Natalija Dudnyk, vom 10. bis 20. September